Von Körperhygiene über Hobbys bis hin zum Arbeitsplatz: Die Frauen und Männer, die in den Wohngemeinschaften für Menschen mit Behinderung der Diakonie Kulmbach leben, entwickeln so viel Selbstständigkeit wie es ihnen individuell möglich ist. Das stärkt die Teilhabe an der Gesellschaft. Doch die begleitenden Fachkräfte wollen noch mehr schaffen.
Stefan* legt im Supermarkt fünf Birnen auf die Waage und sucht in der Kategorie „Obst“ nach dem richtigen Symbol. Julian Kießling, Leiter einer Wohngemeinschaft für Menschen mit Behinderung der Diakonie Kulmbach bleibt im Hintergrund, wartet… und freut sich mit Stefan, als dieser den richtigen Bon auf seinen Einkauf klebt. Noch vor zwei Jahren hatte er dabei Hilfe benötigt, in ein paar Monaten könnte er seinen Einkauf alleine erledigen, da sind sich die Fachkräfte sicher.
Die größtmögliche Selbstständigkeit jeder einzelnen Bewohnerin und jedes einzelnen Bewohners der Wohngemeinschaften für Menschen mit Behinderung der Diakonie Kulmbach zu erreichen ist eines der großen Ziele des Teams.
Kommen diese neu in die Wohngemeinschaften finden zunächst spezifische Gespräche mit den jeweiligen Betreuungskräften sowie Familienangehörigen zum persönlichen Hintergrund und den jeweiligen Fähigkeiten der Frauen und Männer statt. „Man probiert vieles aus - in Begleitung natürlich“, erklärt Julian Kießling und nennt Beispiele wie das Waschen, kleine Mehlzeiten selbst zu zubereiten oder sich beim Spaziergang zu orientieren. Ein fachkundiger und genauer Blick ermöglicht ein Gespür für die richtige Balance zwischen Unter- und Überforderung der Bewohnerinnen und Bewohner: Welche Fähigkeiten sind vorhanden? Wie kann man sie fördern? Aber auch: Welches sind die individuellen Interessen? „Denn so gelingt Lernen und Entwicklung oftmals leichter. Ist ja bei uns auch so“, lacht der Heilerziehungspfleger.
Viele Abstufungen, viele Chancen
Marcel* zum Beispiel liest gerne die Zeitung und Zeitschriften. Gerade üben die Fachkräfte den Spaziergang zum und den Einkauf beim nahen Kiosk mit ihm ein. Ob er das schaffen wird, kann noch niemand sagen. „Natürlich bedeutet, selbständig etwas zu tun zu können, für jede Person etwas anderes, das gibt es viele Abstufungen und Schritte. Was erreicht werden kann, werden wir herausfinden. Das dauert je nach Fall unterschiedlich lang.“ Für immer? Oder für eine Weile? Dies kann bis zu einem Umzug in das ambulant betreute Wohnen in der eigenen Wohnung reichen.
Alter spielt eine Rolle
Eine Rolle für diese Entwicklung spielt dabei das Alter. Bei den jüngeren Personen liegt der Fokus zunächst darauf, die Selbstständigkeit optimal auszubauen. Mit zunehmenden Alter können aber die bereits erworbenen Fähigkeiten abnehmen. Dann versuchen die Fachkräfte einen Fokus auf besonders wichtige Kompetenzen zu legen und diese möglichst lange zu erhalten. Denn: „Werden Menschen gar nicht mehr gefördert, dann verlernen sie alles.“
Selbstständigkeit begünstigt Teilhabe
Denn die Selbstständigkeit hängt auch mit der vielbesprochenen Teilhabe zusammen. „Zum einen werden Menschen mit Behinderung gesehen, wenn sie selbst einkaufen oder im Bus fahren“, weiß Julian Kießling. „Zum andereren ermuntern wir sie, mit Handy oder Tablet umzugehen und so den Kontakt zu Angehörigen und Freunden halten.“
So besitzen einige ein eigenes Mobiltelefon, das sie selbstständig nutzen. Andere wiederum tätigen Anrufe mit Hilfe der Kurzwahlfunktion, andere skypen in Begleitung der Fachkräfte.
Arbeit und Freizeit
Ein wichtiger Aspekt der Selbstständigkeit und Teilhabe ist auch die Arbeit vieler Menschen mit Behinderung in den Werkstätten und anderen Arbeitsplätzen und Einsatzstellen. Je nach ihren individuellen Fähigkeiten finden sie einen Arbeitsplatz bei der Montage oder Herstellung von Paletten, Biertragekisten, Transportkisten, Nistkästen und Futterhäuschen sowie Wasserwaagen oder weitere, vielfältige Tätigkeiten in Partnerunternehmen. Diese Tätigkeiten und Einsatzstellen bieten hierfür einen geschützten Rahmen für die besonderen Bedürfnisse der Frauen und Männer.
Am Feierabend und am Wochenende können die Frauen und Männer ihre Freizeit selbst gestalten. Viele von ihnen nehmen an Angeboten der Offenen Behindertenarbeit OBA teil. Mit sportlichen Angeboten wie Schwimmen und Kegeln über kreative Angebote hin zu Kinotreffs, Spieleabende sind sie im gesellschaftlichen Leben präsent.
Fachkräfte und Ehrenamtliche können „Brücken“ bauen
Ob Arbeitsplatz, Einkauf oder Kartenspielen: Selbstständigkeit gibt Selbstbewusstsein. „Wenn sie plötzlich merken: Das kann ich selbst!, dann motivieren diese Erfolge auch für weitere Schritte!“, so Julian Kießling. „Da ist viel Entwicklung möglich!“
Doch das Team der Diakonie Kulmbach möchte noch mehr: Auch Menschen mit Behinderung, die aufgrund ihrer Fähigkeiten intensive Betreuung und Begleitung benötigen, sollen am gesellschaftlichen Leben teilhaben und mitwirken. Mehr Barrierefreiheit an öffentlichen Gebäuden und Orten, am Arbeitsplatz und in Wohnungen, in Verkehrsmitteln und Dienstleistungen sind gefragt. Hinzukommen Hindernisse, etwa bei Konzert- und Restaurantbesuchen oder gemeinsame Spaziergänge.
Gut ausgebildete Fachkräfte, Heilerziehungspflegerinnen und –pfleger, unterstützen sie dabei. Auch Ehrenamtliche können Menschen mit Behinderung im Rahmen der Offenen Behindertenarbeit OBA bei vielfältigen Aktivitäten begleiten und so zur „ Brücke“ werden. Spezielle Fachkenntnisse sind dafür nicht erforderlich, vielmehr Offenheit und Begeisterung.
*Namen aus Datenschutzgründen geändert
Informationen:
In den vier Wohgemeinschaften für Menschen mit Behinderung der Diakonie Kulmbach leben rund 70 Personen. Zusätzlich bietet die Seniorentagesstätte SENTA tagsüber eine Heimat für Seniorinnen und Senioren.
Mehr zu den Wohngemeinschaften der Diakonie Kulmbach unter diakonie-kulmbach.de/wohngemeinschaften/